Freitag, 17. Dezember 2010

Puccinis Prekariat

La Bohème in Sichtweite von Hartz IV - eine Herbstreise nach Ulm, Kiel, Erfurt, Düsseldorf und Wuppertal.
 
 
Den Künstlern des beginnenden 21. Jahrhunderts dürften die Sorgen von Puccinis Bohemiens nur allzu bekannt vorkommen. Mit einem Durchschnittseinkommen unter
15 000 Euro jährlich arbeiten die allermeisten der etwa 300 000 Kunstschaffenden in Deutschland in Sichtweite von Hartz IV. Auch wenn sie mittlerweile immerhin krankenversichert sind, kämen die meisten Rodolfos und Marcellos noch immer in Zahlungsschwierigkeiten bei der Zeche im Café Momus.

Man braucht sich also gar nicht groß zu verrenken, wenn man die «Bohème» aus dem Paris der Belle Epoque ins Deutschland des Jahres 2010 hinüberziehen will. Angesichts der flächendeckenden kommunalen Finanzmisere, deren Folgen auch die Kunst zu spüren bekommt, liegt die Versuchung nahe, dem Publikum anhand von Puccinis Hungerkünstlern den Zustand eines kaputtgesparten Theaters vorzuführen.

In Ulm, wo der Magistrat gerade noch einmal die Sparschraube kräftig anzog, hat das Theater die ganze Saison der Thematisierung des eigenen Überlebenskampfes gewidmet: Das Generalmotto «Mehrwert», das bei allen Produktionen über dem Bühnenportal prangt, liest sich als verzweifelter Appell, Kunst nicht gegen Geld aufzuwiegen. Kein Wunder, dass sich unter diesen Voraussetzungen auch «La Bohème» um die eigenen Nöte dreht: Aus der Mansarde mit Eiffelturmblick ist die Künstler-WG in den Backstagebereich eines sichtlich renovierungsbedürftigen Theaters gezogen, wo der Bühnenbildner Marcello an seinem Modell bastelt und Schneiderin Mimì die Kostümständer durchsieht. ...
In Kiel und Erfurt wird die «Bohème» nicht neu erfunden oder gar provokativ hinterfragt, sondern behutsam ins 21. Jahrhundert bugsiert. Der Künstlernachwuchs der Gegenwart wohnt nicht länger in pappigen Mansarden, sondern in heruntergerockten Prenzlauer-Berg-Altbauten (Kiel) oder gar in einem extravaganten Loft mit Dachterrasse (Erfurt); Pinsel und Leinwand sind durch Kamera (Kiel) oder Torsi von nackten Frauen (Erfurt) ersetzt. Der Musiker Schaunard trägt Dreadlocks und Röhrenjeans (Kiel), und Mimì ist per Fahrrad unterwegs (Erfurt). Das funktioniert in beiden Fällen nahezu bruchlos und öffnet einen Freiraum für schöne charakterschärfende Detailbeobachtungen ...

In Düsseldorf hat man Robert Carsens viel gelobte «Bohème» aus Antwerpen übernommen: eine sichere Bank, denn der kanadische Vollprofi ist ein Meister darin, die Zwänge eines Repertoirebetriebs in künstlerische Konzepte zu integrieren. Carsens Künstler-WG ist ein kleines, von Schneemassen umgrenztes Karrée – was recht elegant das Problem löst, auf einer zwanzig Meter breiten Bühne raumfüllend ein Dachstübchen zu zeigen. Dass in diesem suggestiven Rahmen eine routinierte, einspringerkompatible «Bòheme» stattfindet, stört erstaunlich wenig. Im Schlussakt ist der Schnee durch ein leuchtendes Sonnenblumenfeld ersetzt, das die nach Mimìs Tod auseinanderstrebenden Gefährten aufnimmt – auch das ein nachhaltiges, symbolträchtiges Bild. ...

Armut und Elend bleiben im schicken Düsseldorf draußen vor der Tür. Das ist in Wuppertal, wo einem die Trostlosigkeit einer heruntergekommenen Arbeiterstadt auf Schritt und Tritt entgegenweht, anders: Geradezu beklemmend ist die kahle Welt, in der der junge Regisseur Jan David Schmitz seine Hartz IV-Künstler hausen lässt. Ein rostiger, auf ein hohes Rollgerüst montierter Containerraum bietet Unterschlupf, Mimì haust zuunterst sogar nur in einem hundehüttengroßen Kubus, in dem kaum für Matratze und Radiator Platz ist. Und draußen im Halbrund, das Carolin Roiders Bühne abgrenzt, friert ein unbeteiligter Obdachloser als Menetekel sozialer Kälte. Dieser halb abstrakte und zugleich bedrückend reale Raum schafft eine Grundspannung, die die Musik quasi von außen her auflädt und die «Bohème» schlagartig vom romantischen Mansardenklischee befreit. Am Lebenskampf dieser Menschen gibt es nichts zu beschönigen, und wenn Mimì sich Rodolfo in die Arme wirft, ist das ein Versuch, ihrem Elend inklusive der sexuellen Zudringlichkeiten des aufgegeilten Hauswirts Benoit zu entgehen. ...

quelle http://www.kultiversum.de/Musik-opernwelt/La-Boheme-Hartz-IV-Puccinis-Prekariat.html

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Die Gedanken sind frei

Die Kreativitätsbranche 1/4
UNISCENE-Kreativ-Report: Die Gedanken sind frei
Zuhause ist sie in der rechten Gehirnhälfte: die Kreativität. Doch wie geht man mit ihr in Studium und Beruf am besten um? Ist Kreativität erlernbar? UNISCENE stellt ideenverliebte Künstler und erfinderische Selbstständige vor, die ihre Kreativität als Motor für ihr Leben nutzen. Von Saskia Balke

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Künstler macht Hartz IV-Empfängern Mut zur Veränderung


Nordschwarzwald. Lamentieren ist nicht sein Ding. Als selbstständiger Stuckateurmeister weiß Mathias Schweikle, was es heißt, anzupacken und sich auf Veränderungen einzustellen.
Das ist auch sein Thema für ein geplantes Kunstprojekt, das er jetzt dem Bundestagsabgeordneten Hans-Joachim Fuchtel vorgestellt hat. Es greift die Diskussion um Hartz IV aus einem völlig neuen Blickwinkel auf und soll Mut zur Veränderung machen.
Denn wie einst die Harzer, Köhler oder Glasbläser im Schwarzwald auf gesellschaftliche oder technische Veränderungen in ihrem beruflichen Umfeld reagieren und sich neuen Aufgaben zuwenden mussten, so seien die Menschen über Jahrtausende immer wieder gezwungen gewesen, sich nach neuer Arbeit umzuschauen.
"Ich möchte diejenigen, die vom Hartz-IV-Topf abhängig sind, nicht schelten, aber sie motivieren, positiv zu denken und zu handeln", sagt der Künstler aus Pfalzgrafenweiler, der um Unterstützung für sein Werk wirbt und nach einem geeigneten Standort Ausschau hält.
"Weil es ja immer was aus dem Topf gibt"
Die Form seines Kunstwerks hatte Schweikle dem Parlamentarischen Staatssekretär bei der Bundesministerin für Arbeit und Soziales gleich mitgebracht. Aus den kleinen Har(t)z-IV-Töpfchen sollen vier Meter hohe werden, an denen unterschiedlich lange Birkenleitern angebracht werden. Sie stehen symbolisch für die unterschiedlichen Charaktere unter den Hartz-IV-Aspiranten: Der eine, dem es nie bis an den Rand reicht, um aus dem Vollen schöpfen zu können, und derjenige, der deutlich übers Ziel hinausschießt. Außerdem gibt es einige, die gar keine Lust haben, für Veränderung zu sorgen, "weil’s ja immer was aus dem Topf gibt!"
Bei der Suche nach dem passenden Weg, aus der Spirale der Abhängigkeit auszusteigen, kann der "Glasbläser Georg aus Bulbach" in Schweikles Augen Vorbild sein. Der junge Handwerker schnürte Mitte des 19. Jahrhunderts sein Rucksäckle, um von Baiersbronn aus zu Fuß nach Norddeutschland zu marschieren und dort sein Glück zu suchen. In der Heimat drohte ihm der Jobverlust; im hohen Norden wurde er sein eigener Chef.
"Viele könnten sich genauso verändern", ist der 48-jährige Künstler überzeugt. Und wie das Harz unter enormem Druck zu Bernstein werde, so vollbrächten Menschen unter Druck besondere Leistungen.
Für sich persönlich hat Mathias Schweikle längst den Grundsatz des Bundestagsabgeordneten Hans-Joachim Fuchtel zu eigen gemacht: "Nicht nur reden, sondern handeln." Deshalb soll das Kunstwerk, das mit den Jahren in seinem Kopf gereift ist, jetzt an exponierter Stelle Realität werden.
Der Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Fuchtel nannte das geplante "Mut-Machen-Projekt" "hochinteressant". Es sei sicher geeignet, die Diskussion zur Hartz-IV-Problematik in eine positive Richtung zu lenken. Kunst bedeute immer, die Gedanken ihres Schöpfers auf sich wirken zu lassen, um für sich selber daraus die passenden Schlüsse zu ziehen. Gesucht werden jetzt noch Unterstützer der Idee, wofür Fuchtel dem Künstler seine Hilfe zusagte.

quelle http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.calw-kuenstler-macht-hartz-iv-empfaengern-mut-zur-veraenderung.9000ef44-f620-49c7-98d3-fa6ef468833c.html
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GUTGEMEINTE RATSCHLÄGE DIE NICHT JEDEM KÜNSTLER HELFEN SIND WEHNACHTEN GERN GESEHEN UND WERDEN VON DER POLITISCHEN ZUNFT BEHERZT ANGEPACKT. IST DAS WIRKLICH HILFE?
KÜNSTLER DIE EINEUROJOBS ALS "REINIGUNGSKRÄFTE" DER NATION VERRICHTEN MÜSSEN, KÖNNEN MIT DER BEHERZTHEIT WENIG ANFANGEN.

arno´s art


Freitag, 3. Dezember 2010

Hartz-IV-Stipendium

Viele ­Kreative leben an der Grenze des Existenzminimums. Plädoyer für ein Grundeinkommen, das Autonomie gewährt - damit Werke wieder produktionskritisch sein können

Die Produktionsweisen der zeitgenössischen Kunst gleichen mitunter Manufakturen, wie man sie aus dem alten Verständnis von Handwerk kennt. Der Meister entwirft und die Künstlervasallen setzen die Ideen um. Ein System, in dem die Parameter der Ästhetik verdächtig nahe an die Wirtschaftlichkeit von Kultur rücken und in dem große Namen zählen sowie große Summen fließen. Nicht unähnlich verhält es sich im kommerziellen Galeriebetrieb: Der finanzielle Mehrwert und die Gewinnmaximierung bestimmen, was gute Kunst ist und was nicht – und die dazu gehörenden Künstlerfiguren, meist männlich und weiß, sind Protagonisten, die sich medial erzählen lassen. So kennt man Kunst nur in den Zusammenhängen des Marktes.

Jenseits des Glamours sieht das Künstlerleben anders aus. Wie das Interview mit Lisa Jugert, Künstlerin und Künstlerassistentin, im Freitag vom 27. Mai 2010 zeigt, ist es schwierig, eine eigene künstlerische Produktion zu gestalten.
Das allgemeine Verständnis der künstlerischen Autonomie beläuft sich zumeist nur auf thematische Freiheiten. Niemand kann Künstlerinnen vorschreiben, was sie zu entwickeln haben und mit welchen Methoden. Wenn ein Künstler zur Erhaltung der Grundbedürfnisse berufsfremden Tätigkeiten nachgehen muss, um dann die „Freizeit“ für die künstlerische Produktion zu opfern, ist er nicht frei im Sinne der künstlerischen Autonomie. Eine Art Grundeinkommen für Kulturschaffende könnte eine Lösung dieses Dilemmas sein – verbunden mit entsprechenden Anforderungen als Gegenleistung, etwa im pädagogischen oder sozialen Bereich wie der Kulturvermittlung. Erarbeitet werden müssten freilich Kriterien für die verschieden künstlerischen Disziplinen, nach denen entschieden würde, wer von einem solchen Grundeinkommen profitieren könnte. Mögliche Vergleichspunkte wären zum Beispiel eine gewisse Anzahl der Ausstellungen, Publikationen, Projekte, Organisation und ähnliches.

mehr http://www.freitag.de/kultur/1032-kunstproduktion-mit-hartz-iv-stipendium
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Donnerstag, 2. Dezember 2010

Am Anfang steht die Begegnung

Kunstprojekt stellt in Husum aus

Für Gertrud Wiedenmann ist Kunst vor allem eines: Begegnung. "Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn sich elitäre Zirkel bei Sekt oder Champagner über Malerei unterhalten", findet die Kunsttherapeutin. "Für mich ist wichtig, dass zwischen der Kunst und den Menschen etwas passiert - dass es zur Begegnung kommt." Und so lautet auch der Titel einer Ausstellung, die am Sonntag, 5. Dezember, um 11.30 Uhr im Rathaus eröffnet wird und Menschen aus ganz unterschiedlichen Einrichtungen zusammenführt: Junge und Alte, Gesunde und Kranke, Profis und Laien, aber auch und vor allem solche, die mit Kunst davor noch nie etwas zu tun gehabt haben.

Die Idee entstand, als Wiedenmann, die in der Beratungs- und Behandlungsstelle des Diakonischen Werkes arbeitet, und die Leiterin des Mehrgenerationenhauses, Christiane von Ahlften, über Möglichkeiten eines Kunstprojekts im MGH nachdachten. Schnell kamen die beiden Frauen überein, dass ein solches Vorhaben umso Erfolg versprechender sei, je mehr Einrichtungen eingebunden würden. Partner waren schnell gefunden und mit ihnen auch ein Projekt-Name: "Begegnung". Neben der Brücke Schleswig-Holstein, der Husumer Insel und der evangelischen Kindertagesstätte am Meer in Schobüll, dem Frauenprojekt "Madonna" des Vereins "Land in Sicht" und dem Arbeitsprojekt "Möbel und Mehr" vom Diakonischen Werk bot auch die Theodor-Storm-Schule ihre Unterstützung an.

Mehr als ein Jahr beschäftigten sich Mitarbeiter und Klienten, Schüler und Kindergartenkinder mit dem Thema "Begegnung" und kamen - je nach Lebenssituation und persönlichem Hintergrund - zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. So berichtet Wiedenmann von einem psychisch und körperlich schwerkranken Mann, der es geradezu als Geschenk betrachtet, seine Arbeiten noch einmal im Rathaus sehen zu können.

Breiten Raum wird dort auch eine Sammlung von Engeln einnehmen, die "landläufige Vorstellungen von Götterboten aber lange nicht immer erfüllen wird", wie die Organisatoren versprechen. Überhaupt ist der Themen-Kanon der Ausstellung so reichhaltig und manchmal so erschütternd wie das Leben. So hat auch ein "Folter-" und ein "Hartz-IV-Stuhl" darin seinen Platz. Mit Helmut Zavecz fanden die Initiatoren zudem einen professionellen Fotografen und Fotografiker, der als Mitglied des Kunstvereins Husum und Umgebung so manche Tür aufstieß.

Die Schirmherrschaft für das Begegnungsprojekt hat Bürgermeister Rainer Maaß übernommen. Einführende Worte spricht HN-Redakteur Rüdiger Otto von Brocken. Jutta und Frank Pitann ("little green") werden die Eröffnung musikalisch einrahmen.

Unterstützt wird das Vorhaben vom MGH, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dem Europäischen Sozialfonds für Deutschland, der Nord-Ostsee-Sparkasse und der Volksbank-Raiffeisenbank eG Husum-Eiderstedt-Viöl. Die Arbeiten verteilen sich über alle drei Etagen des Verwaltungssitzes und bleiben bis zum 28. Januar dort.

In der Kunst sich selbst und anderen zu begegnen - das ist der tiefere Sinn dieses ambitionierten Projektes. Die Eröffnung am Sonntag ist dafür nur ein erster Schritt, dem weitere folgen dürften.



arno´s art

Wie und wann finden Künstler ihre Inspirationsquellen?

Sogar Gedächtnislücken können die Fantasie anregen
Nürnberg - Wie und wann finden Künstler ihre Inspirationsquellen? Zum Beispiel dann, wenn sie sich über etwas ärgern: Christine Nikol findet etwa das Wort „Bespielen“ in Zusammenhang mit Ausstellungen ganz schrecklich und hat diese Vorstellung mit dem großflächigen Werk „Der Künstler will nur spielen“ entsprechend in die Tat umgesetzt.

mehr http://www.nordbayern.de/nuernberger-zeitung/nuernberg-region/guteklasse-in-der-zentrifuge-1.356784
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arno´s art